1. Hintergrund
Das Statement der Eidgenössischen Kommission für Aids-Fragen (EKAF) aus dem Jahre 2008 hat national und international zu engagierten Diskussionen geführt. Nachdem die DAIG bereits im April 2008 eine kurze Stellungnahme veröffentlicht hatte 1 , sehen wir uns durch Internetbeiträge 2 und anhaltende Diskussionen erneut veranlasst, nochmals und ausführlich zur Frage der Infektiosität HIV-Betroffener Stellung zu nehmen.
Dies ist die Zusammenfassung unserer Schlussfolgerungen zum EKAF-Papier in gekürzter Form. Aus unseren Einschätzungen wird deutlich, dass die DAIG die kategorische EKAF-Interpretation „nicht infektiös“ in dieser Form nicht unterstützt.
2. Das EKAF-Statement
Das EKAF-Statement 3 hat ein zentrales Credo: Der HIV-infizierte Patient, die HIV-infizierte Patientin ist sexuell nicht infektiös, sofern die folgenden Bedingungen erfüllt sind:
- die antiretrovirale Therapie (ART) wird durch den HIV-infizierten Menschen konsequent eingehalten und durch den behandelnden Arzt regelmässig kontrolliert;
- die Viruslast (VL) unter ART liegt seit mindestens sechs Monaten unter der Nachweis¬grenze (d. h., die Virämie ist supprimiert);
- es bestehen keine Infektionen mit anderen sexuell übertragbaren Erregern (STD).
3. Die Einschätzung der DAIG
Zur Interpretation des EKAF-Statements haben wir versucht, aus zwei Perspektiven ausführlich Stellung zu nehmen. Einerseits aus Sicht der aktuellen wissenschaftlichen Datenlage zur Übertragung von HIV, andererseits aus dem Blickwinkel ärztlicher Beratung und HIV-Prävention in Deutschland. Diese beiden Aspekte zählen wir zur Expertise und auch zum Aufgabenbereich der DAIG.
Nach unserer Bilanz ist in Abwägung der Ergebnisse der dem EKAF-Statement zugrunde liegenden Studien und aktueller Publikationen das Risiko für eine sexuelle HIV-Transmission von Menschen unter effektiver HIV-Therapie in Populationsstudien fester Partnerschaften und nach mathematischen Kalkulationen sehr gering, bleibt aber kumulativ und im Einzelfall bezifferbar und relevant. Dieses geringe Risiko ist essentiell von einer hohen Therapie-Adhärenz des HIV-Infizierten sowie dem Fehlen anderer sexuell übertragbarer Erkrankungen abhängig, also Bedingungen, die für die Sexualpartner u.U. schwer einzuschätzen sind.
Für feste diskordante Beziehungen favorisiert die DAIG eine ärztliche Beratung, die dem Paar hilft, zu einer gemeinsamen partnerschaftlichen Entscheidung über Schutzmaßnahmen zur HIV-Übertragung zu gelangen. Die DAIG unterstützt die Einschätzung, dass in festen diskordanten Partnerschaften nach eingehender Information und Beratung dem HIV-negativen Partner letztlich die Entscheidung obliegt, auf weitere Schutzmaßnahmen zu verzichten, wenn
- die antiretrovirale Therapie (ART) durch den HIV-infizierten Menschen konsequent eingehalten und durch den behandelnden Arzt regelmäßig kontrolliert wird;
- die Viruslast (VL) unter ART seit mindestens sechs Monaten unter der Nachweisgrenze liegt;
- keine Infektionen mit anderen sexuell übertragbaren Erregern (STD) bestehen.
In allen Situationen sexueller Begegnungen von HIV-serodiskordanten Partnern außerhalb fester Partnerschaften empfiehlt die DAIG den Gebrauch von Kondomen, unabhängig vom Behandlungsstatus des HIV-infizierten Partners. Beiden Partnern kommt in diesen Situationen eine gleichberechtigte Verantwortung zu. Kondomgebrauch zu empfehlen sehen wir als ein wirksames Mittel zur HIV-Infektionsprophylaxe in realistischen Situationen, in denen unerkannte Kofaktoren die Reduktion der HIV-Übertragung durch die HIV-Therapie konterkarieren. Die DAIG ermuntert darüber hinaus alle im Bereich der HIV- und STD-Prävention tätigen Menschen und Institutionen, den Gebrauch von Kondomen bei sexuellen Kontakten außerhalb von festen Partnerschaften zur Verhinderung der HIV-Übertragung und Infektionen durch andere sexuell übertragbare Erkrankungen zu empfehlen.
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1 http://www.daignet.de/site-content/news-und-presse/pressemeldungen/aktuelle-pressemeldungen/stellungnahme-der-deutschen-aids-gesellschaft-zur-frage-der-infektiositat-von-patienten-unter-hivtherapie
2 http://www.ondamaris.de/?p=21109 (Zugriff 23.09.2010)
3 www.saez.ch/pdf_d/2008/2008-05/2008-05-089.PDF
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Die 17-seitige Vollversion DAIG-Stellungnahme.pdf steht Ihnen hier als PDF zur Verfügung