Die Ausbreitung der globalen HIV-Epidemie hat nach den jüngsten epidemiologischen Zahlen etwas an Geschwindigkeit verloren. Nachhaltige Präventionsprogramme, verbunden mit einer besseren - obwohl noch immer unzureichenden – internationalen Verfügbarkeit von antiretroviralen Therapien scheinen offenbar Früchte zu tragen.
Auf der Welt-AIDS Konferenz 2010 in Wien wurden erstmals ermutigende Daten zum wirksamen Einsatz von Mikrobiziden präsentiert, die Frauen in Ländern mit einer hohen HIV-Infektionsrate eine selbstbestimmte Schutzmöglichkeit geben könnte (CAPRISA Study / siehe CAPRISA Study Results Summary Video von der Welt-AIDS Konferenz 2010 auf YouTube). In dieser Woche publizierte das New English Journal of Medicine erstmals eine Studie (iPrEx Study / siehe www.nejm.org), die über die kontinuierliche Einnahme von HIV-Medikamenten durch nicht-infizierte Menschen zur Verhinderung einer HIV-Infektion berichtet (sogenannte Prä-Expositionsprophylaxe, PREP). Die Daten sind ein weiteres Indiz dafür, dass antivirale Medikamente das HIV-Übertragungsrisiko reduzieren können. Ob eine dauerhafte medikamentöse PREP in Deutschland einen Platz im Spektrum der HIV-Präventionsmöglichkeiten haben wird, ist derzeit nicht klar.
HIV-Infektion und AIDS haben trotz der Erfolge der antiretroviralen Therapie nichts von ihrer schicksalhaften Bedeutung für Einzelpersonen, ihre Partner/innen und Familien verloren. Nach wie vor kommt es auch in Deutschland zu Diskriminierung und sozialer Ausgrenzung HIV-Infizierter. Das macht es Betroffenen schwer, sich selbst und anderen ihre Infektion oder die Risiken für eine Infektion offen einzugestehen. Diese Hürden abzubauen und den Weg für eine nachhaltige HIV-Prävention und gesundheitsfördernde Versorgung HIV-Betroffener zu ermöglichen, ist eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe. Medikamentöse Präventionsprogramme können gesellschaftliche und kulturelle Ursachen für Diskriminierung und Stigmatisierung nicht kompensieren oder gar beseitigen.
Auch 2010 wurde die HIV-Infektion bei vielen Patienten erst in einer Phase festgestellt, in der bereits unmittelbar eine Erkrankung droht. Zu diesem Zeitpunkt sind oft Jahre verstrichen, in denen das Risiko einer schweren Erkrankung für den Einzelnen und das Infektionsrisiko für andere durch eine frühere Diagnosestellung hätten vermindert werden können. Darüber hinaus zeigen die aktuellen Zahlen aus dem Robert Koch Institut erneut, dass die HIV-Neudiagnosen in Deutschland vor allem in den Hauptbetroffenengruppen erheblich und nicht rückläufig sind.
Die Deutsche AIDS-Gesellschaft fordert daher erneut dazu auf, eine Strategie zur Verminderung der Ausbreitung von HIV und der Verbesserung der Behandlung HIV-Betroffener auf mehreren Ebenen zu verfolgen. Dazu gehören unter anderem:
- Vermehrte Aufklärung in den Schulen: Jugendliche müssen in einem gemeinsamen Ansatz über sexuelle Begegnungen informiert werden, in denen die HIV-Infektion ein wichtiges, aber keineswegs das einzige Risiko darstellt. Jugendliche sollten mehr über Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten von sexuell übertragbaren Krankheiten aufgeklärt werden. Diese Angebote, verbunden mit einer offenen Diskussion, werden auch dazu beitragen, Stigmatisierung und Ausgrenzung von Menschen aufgrund von Krankheiten oder sexuellen Orientierungen zu überwinden.
- Einrichtung von Programmen zur sexuellen Gesundheit: Personen mit besonders hohem Risiko müssen die hürdenfreie Möglichkeit regelmäßiger Untersuchungen auf HIV, Hepatitis B (evtl. A oder C), Gonorrhoe, Chlamydien, HPV und Syphilis erhalten. Diese niederschwelligen Angebote werden die HIV-Testbereitschaft fördern und medizinische Behandlungen ermöglichen, die auch der Ausbreitung von HIV entgegenwirken.
- Personen aus Hochendemiegebieten müssen eine Aufklärung und Beratung über sexuelle Risiken und das Angebot einer entsprechenden Diagnostik erhalten. Dies wird bestehende Vorurteile innerhalb von Migrantengruppen abbauen und einen rationalen Umgang mit den Infektionsrisiken fördern. Illegal in Deutschland lebenden HIV-Betroffenen sollte aus humanitären Gründen, aber auch zur Verminderung der HIV-Transmission, ein Zugang zu medizinischen Basisleistungen und Informationen gewährt werden.
- Die ärztliche Fortbildung muss das diagnostische Bewusstsein von Ärztinnen und Ärzten sowie den offenen Dialog mit Patienten über HIV wecken und fördern. Daraus wird sich eine wichtige Chance zur früheren Diagnosestellung ergeben, insbesondere in Situationen, in denen Krankheitsbilder vorliegen, die gehäuft bei einer HIV-Infektion beobachtet werden.
Die Deutsche AIDS-Gesellschaft unterstützt für diese gesellschaftliche und medizinische Herausforderung alle Maßnahmen zur Verbesserung der Situation HIV-Infizierter und der Verminderung der HIV-Übertragung. Auch wenn die HIV-Infektion in den entwickelten Staaten keine rasche epidemische Ausbreitung mehr durchläuft, behält sie als endemische Infektion in Zeiten gesellschaftlicher Veränderungen ständig das Potenzial zu einem erneuten Anstieg der Neuinfektionen. Eine wirksame Kontrolle der Infektionsfolgen für das Individuum und die Gesellschaft wird daher nur durch kontinuierliche Anstrengungen möglich sein, die die HIV-negative Bevölkerung, Menschen mit hohem Risiko, HIV-Infizierte und Selbsthilfegruppen, HIV-Behandler und Wissenschaftler einbeziehen.