Im Jahr 2007 betrug der Anteil von Frauen an den Menschen, die in Deutschland mit HIV/AIDS leben, ca. 20%. Weltweit sind ca. 50% der HIV-Infizierten Frauen. Einer AIDS-Forschung, die medizinische und psychosoziale Besonderheiten von Frauen berücksichtigt, wird international inzwischen mehr Gewicht beigemessen. Nach wie vor gibt es aber immer noch mehr offene Fragen als befriedigende Antworten.


Noch immer sind HIV-positive Frauen in Studien häufig unterrepräsentiert. Wichtige Geschlechtsunterschiede und frauenspezifische Besonderheiten können so häufig kaum ausreichend untersucht werden. Die Übertragbarkeit der in internationalen Studien gewonnenen Erkenntnisse auf die Gegebenheiten in Deutschland ist wegen erheblicher Unterschiede im Bereich kultureller Hintergründe, materieller und sozialer Lebensbedingungen und divergierender medizinischer und psychosozialer Versorgungssysteme nur bedingt möglich.


Auch wenn inzwischen viele Studien darauf hinweisen, dass die HAART bei Frauen ebenso wirksam ist wie bei Männern, besteht immer noch dringender Forschungsbedarf hinsichtlich einer ganzen Reihe von Fragestellungen, z.B.:

  • Mehrere, auch internationale, Studien weisen auf deutliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen bei den Surrogatmarkern – Viruslast und CD4-Zellen hin. Obwohl die Bedeutung dieser Ergebnisse für Krankheitsprogression und Therapieentscheidungen seit Jahren diskutiert wird, fehlen systematische Forschungsansätze.

  • Mit zunehmender Dauer der antiretroviralen Behandlung werden toxische Nebenwirkungen der Therapien und/oder Folgeerscheinungen der HIV-Erkrankung immer häufiger zum Thema. Geschlechtsunterschiede wurden bei Syndrome und Erkrankungen wie Fettstoffwechselstörungen, Lipodystrophie und Lipoatrophie, Osteopenie/Osteoporose oder kardiovaskuläre Erkrankungen festgestellt. Die Entwicklung, Ausprägung und Behandlung muss dringend geschlechtssensibel untersucht werden.

  • Hinweise auf ein unterschiedliches Nebenwirkungsspektrum bei speziellen antiretroviralen Medikamenten, z.B. hinsichtlich der Lipodystrophie, Lipidstoffwechselstörungen, Leberschädigunggen, Nierenfunktionsstörungen und allergischer Hautreaktionen mehren sich.

  • Einflüsse sowohl der HAART als auch der HIV-Infektion auf das endokrinologische System von Frauen und Wechselwirkungen zwischen diesen bleiben weitgehend unerforscht. Ob Frauen mit HIV früher in die Menopause kommen oder häufiger unterZyklusstörungen leiden, ist bisher ungeklärt.

  • Hinweise auf erhöhte Plasmaspiegelkonzentrationen einiger antiretroviraler Medikamente, die bei Frauen in den toxischen Bereich gehen können, finden bisher nur unzureichend Eingang in Studien, aus denen differenzierte Dosierungsempfehlungen abgeleitet werden könnten.

  • Nebenwirkungen gehen nicht nur mit körperlichen, sondern häufig auch mit erheblichen psychologischen und psychosozialen Beeinträchtigungen einher. Auswirkungen auf Adhärenz und Therapieentscheidungen werden im klinischen und beraterischen Alltag häufig beobachtet. Eine Berücksichtigung dieser Aspekte in prospektiven, längerfristigen Studien ist dringend erforderlich.

  • Seit Beginn der HAART-Ära wurde die Erforschung psychosozialer Aspekte wie Lebensqualität, Krankheitsbewältigung, sexuelle und reproduktive Gesundheit und gesundheitsfördernde Maßnahmen bei Frauen weitgehend vernachlässigt. Hier besteht ein dringender Bedarf an psychosozialer/sozialwissenschaftlicher und biomedizinischer Forschung. Diese könnte auch die Entwicklung angemessener Unterstützungsmaßnahmen und Interventionen befördern.

  • Die antiretroviralen Therapien haben zu einer deutlichen Verlängerung der Lebenszeit geführt. Menschen mit HIV haben heute oft eine annähernd normale Lebenserwartung und sind damit zunehmend auch von altersbedingten Erkrankungen betroffen. Die Zusammenhänge zwischen altersbedingten Veränderungen, HIV-Infektion und antiretroviraler Therapie und die Unterschiede zwischen Männern und Frauen müssen dringend erforscht werden.

  • Auch deutsche Studien weisen auf deutliche Defizite in der sozio-ökonomischen Situation von Frauen mit HIV hin. Besonders allein Erziehende sind von existenziellen Nöten und Armut betroffen. Die prekäre sozio-ökonomische Lage vieler HIV-positiver Frauen begründet auch die Forderung nach speziellen Ausbildungs- und Arbeitsplatzmodellen sowie die Evaluation entsprechender Maßnahmen.

  • Im Bereich der Migration wird über steigende Infektionszahlen und defizitäre Versorgungssituationen berichtet, aber auch hier fehlen sowohl systematische Erhebungen als auch zielgruppenspezifische Konzepte der Versorgung und Prävention.

  • (Über-)Leben mit HIV ist gekoppelt an Wissen über HIV. Was wissen Frauen mit HIV über ihre Infektion und die Therapie, und wie verändert sich dieses Wissen im Laufe der Jahre?


Die Sektion AAWS will durch eigene Forschung, aber auch durch die Unterstützung von Studienprojekten und die Sammlung und Weitergabe von Informationen zur Vermehrung des Wissens um frauenspezifische Aspekte der HIV-Infektion beitragen.